Auf dem Salone del Mobile in Mailand war im Frühjahr zu sehen, wohin die Möbelgestaltung läuft. Farbe wird zurückgenommen und geht ins Erdige, Oberflächen bekommen Struktur, Kanten werden weicher, Licht und Strom wandern ins Möbel, und der Innenraum bleibt sichtbar.

Blum und GRASS haben ihre Beobachtungen je in einem Trendreport zusammengetragen, beide sind am Ende verlinkt. Beschrieben wird darin vor allem, wie Möbel aussehen. Was daraus für Scharnier, Auszug und Klappe folgt, ist die Frage dahinter.

Ich gehe die Punkte durch, an denen sich etwas an der Bestellung ändert. Was aus den Reports stammt und was meine Lesart ist, halte ich dabei auseinander.

Dunkel ist keine Sonderfarbe mehr#

Erdtöne bleiben die Favoriten und treten satter auf, schreibt Blum: Ocker, Terrakotta, Apricot, warme Schokoladentöne. Farbe ist 2026 weniger Aufbruch als Beruhigung.

Am Beschlag lässt sich das ablesen. Der Blum-Report zeigt CLIP top BLUMOTION in Onyxschwarz bei einem guten Dutzend Ausstellern, von ARMONY über Boffi bis CUCINE LUBE, und stellt AVENTOS top in Eclipseschwarz als Neuheit dazu.

Solange die Tür zu ist, spielt die Farbe des Scharniers keine Rolle. Sobald aber eine Glasfront im Spiel ist, ein Oberschrank offen steht oder ein Fach ohne Tür bleibt, sieht der Kunde den Beschlag. Ein silbernes Scharnier in einem anthrazitfarbenen Korpus fällt dann auf wie ein heller Fleck.

Wer dunkel plant, sollte den Beschlag deshalb in derselben Runde entscheiden wie die Front. Im LignoShop führen wir das Onyxschwarz-Sortiment durchgängig, vom CLIP top BLUMOTION 110 Grad in Onyxschwarz über die Exzenter-Montageplatte 177H3100E in Onyxschwarz bis zur Abdeckkappe.

Struktur an der Front, Sichtfläche im Auszug#

Matte Naturstrukturen, gestreifte und geriffelte Oberflächen, unsymmetrische Details, dazu Lamellen, Rillen, Leisten und geriffelte Rückwände. GRASS fasst das unter Textured Calm zusammen. Ornament kommt zurück, aber als Haptik, nicht als Muster.

Zwei gefräste Rillenfronten übereinander, eine dunkle über einer hellen, im Streiflicht zeichnen sich die Rillen ab
Gefräste Rillen in zwei Ausführungen. Die Struktur entsteht durch das Streiflicht, ohne Schatten bleibt die Front flach.

Aufgesetzte Lamellen bringen dabei ein Problem mit, das man der Front nicht ansieht: Sie machen die Tür dick. Ein normales Topfscharnier ist für die üblichen Türstärken ausgelegt. Darüber brauchen Sie ein Dicktürscharnier. Das arbeitet mit einem anderen Öffnungswinkel und einer anderen Symmetrie am Arm, damit die Tür beim Öffnen nicht klemmt und am Korpus anschlägt. Der Winkel ist dann kein Detail mehr, sondern bestimmt, wie weit Sie einen Auszug dahinter noch herausziehen können. Wie lange der Lamellen-Trend trägt, weiß niemand. Wer ihn mitmacht, legt die Türstärke besser früh fest, weil daran die Scharnierwahl hängt.

Der Gedanke hört an der Front nicht auf. Die Qualität eines Möbels zeigt sich beim Öffnen, GRASS nennt das Inner Standard, und Blum verweist bei den Strukturen ausdrücklich auf das Möbelinnere.

Für die Planung heißt das dreierlei. Der Boden des Auszugs ist eine Sichtfläche. Die Zargeninnenseite ist eine Sichtfläche. Und die Innenteilung gehört in dieselbe Planungsrunde wie die Front. Fachbreiten und Zargenhöhe müssen zusammenpassen, hinterher lässt sich das nur noch mit Kompromissen ändern.

Der zweite Punkt betrifft die Fuge. Wenn die Front eine ruhige, strukturierte Fläche ist, kaschiert nichts mehr eine ungleichmäßige Fuge. Damit zählt weniger, wie genau Sie fertigen, als wie gut Sie nachstellen können. Scharniere und Kupplungen mit drei oder vier Einstellrichtungen sind hier keine Zusatzausstattung.

Die Kante verliert ihre Härte#

In Mailand waren runde Tischelemente an Kücheninseln zu sehen, Einbuchtungen, weichere Kanten, überstehende Türen, gebrochene Kuben. GRASS führt das unter Soft Geometry.

Für die Werkstatt ist das der anspruchsvollste Punkt der ganzen Liste. Der Möbelbau steht auf ebenen Flächen und rechten Winkeln: das Bohrraster, der Scharniertopf, der Frontaufschlag, die Fuge. Ein Radius stört diese Ordnung an mehreren Stellen gleichzeitig.

Eine gerundete Frontkante ändert das Scharnier selbst nicht. Sie ändert den Freiraum, den die Tür beim Öffnen zur Nachbarfront braucht, und sie nimmt der Fuge die klare Linie. Überstehende Türen sind dagegen Routine, dafür steuert die Montageplatten-Distanz den Aufschlag. Anders wird es, sobald der Korpus selbst rund wird. Dann gibt es kein Standardbohrbild mehr, an dem man sich entlanghangeln kann.

Wie die Beschlagseite darauf antwortet, ist offen. Bisher sehe ich vor allem Sonderlösungen und viel Handarbeit. Das wird eines der Themen, an denen sich in den nächsten Jahren etwas tun muss.

Was das Innenleben kostet#

Beim Innenleben habe ich einen anderen Eindruck als die Berichte aus Mailand. Die Auswahl ist in den letzten Jahren nicht größer geworden, sondern schmaler und stärker standardisiert. Weniger Sonderteile, weniger Materialvielfalt, dafür Systeme, die sauber ineinandergreifen. Für die Werkstatt ist das bequem. Wer etwas Besonderes will, findet im Katalog dagegen weniger als früher und landet schneller bei Sonderlösungen und Eigenanfertigungen. Ob sich das wieder dreht, wird man sehen.

Der zweite Punkt wird regelmäßig unterschätzt. Eine vollständige Innenteilung kann je nach Ausführung an den Wert des Auszugs heranreichen, in den sie hineinkommt. Das ist kein Argument dagegen, aber es gehört ins Angebot und nicht in die Nachverhandlung.

Strom und Licht wandern ins Möbel#

Licht ist längst ein eigenes Gestaltungsmittel, indirekt, akzentuiert, im Korpus und in der Schublade. Blum widmet der Beleuchtung eine eigene Kategorie und schreibt dort, auch Strom im Möbel bleibe 2026 ein Trendthema. Als Beispiel steht dort eine Aufnahme vom Stand von SALVATORI, umgesetzt mit AMPEROS AC.

Genau dort liegt der Aufwand. Licht oder Strom in einem Teil, das sich bewegt, heißt Kabelführung, Steckverbindung und ein Anschluss, der die Zyklen mitmacht. Und es heißt Maßvorgaben: Wer eine Steckdose in den Auszug setzt, ist an Nennlänge, lichte Korpusweite und den Platzbedarf in der Tiefe gebunden. Was das konkret bedeutet, steht im Artikel Blum AMPEROS AC: Steckdose im Auszug richtig planen.

Beim Licht selbst fällt die Entscheidung genauso früh. Ein Einbauprofil wie das LED-Profil Moove sitzt in einer gefrästen Nut von 10 mm Tiefe, und die muss stehen, bevor Sie den Korpus zusammenbauen. Ein geklebtes Profil wie die LED-Leuchte Hide Emotion misst 3 x 8 mm, braucht keine Fräsung und passt bei vielen Topfscharnieren noch vor der Montageplatte durch. Ob gefräst oder geklebt wird, gehört damit in die Planung und nicht auf die Baustelle.

Schmales LED-Profil, eingelassen in die Oberseite eines Regalfachs, das warme Licht fällt auf Glasgefäße darunter
Eingelassenes Profil in der Korpusdecke. Zu sehen ist nur die Lichtlinie, die Nut dafür entsteht beim Zuschnitt. Foto: L&S.

Im Regal kann das Licht auch zum Bauteil selbst werden. Beim CADRO-Rahmensystem von Hettich läuft die Beleuchtung im Rahmenprofil mit, das Regal trägt und leuchtet in einem.

Loft-Wohnzimmer mit schwarzen Rahmenregalen an einer Betonwand, die Regalböden sind von innen beleuchtet
Beim CADRO-Rahmensystem sitzt das Licht im Profil des Rahmens. Foto: Hettich.

Ein Gestaltungswunsch wird an dieser Stelle zur Maßvorgabe.

Lösungen: das Möbel soll mehr können#

Möbel sollen mehr können: Multifunktionalität, Systemmöbel, Türen, die verschwinden. Die Bildstrecke bei Blum zeigt dazu das Pocketsystem REVEGO, mehrere AVENTOS-Klappenbeschläge und, bei Schüller Küchen, die Tablar-Arretierung 295H5700.

Bei den Klappenbeschlägen geht es um die Integration. Sie werden farblich an den Korpus angepasst und so eingebaut, dass man möglichst wenig von ihnen sieht. Sobald der Oberschrank eine Glasfront hat und beleuchtet ist, will man ihn hochstellen und nicht seitlich aufschwenken. Welcher Klappenbeschlag passt, entscheidet sich am Frontgewicht und an der Höhe, die über dem Schrank frei bleibt.

Die Tablar-Arretierung ist dabei ein kleines Teil: Das Tablar fährt heraus, rastet ein, und Sie können mit Druck darauf arbeiten. Zusammen mit AMPEROS AC bleibt das Gerät darauf am Strom. Beides ist bei uns lieferbar.

Draußen kocht auch jemand#

GRASS führt Inside Out Comfort als eigenen Trend: Die Außenküche verliert den Charakter des Grillplatzes und wird geplant wie eine Innenküche, mit denselben Oberflächen und demselben Komfortanspruch. Das deckt sich mit dem, was auf vielen Terrassen steht, wo inzwischen komplette Kochblöcke stehen und nicht mehr nur ein Grill.

Für den Beschlag gelten draußen andere Regeln. Feuchtigkeit, Frost, UV und in Küstennähe Salz greifen zuerst die Teile an, die niemand sieht: Scharnierarm, Montageplatte, Schrauben. Die üblichen vernickelten Scharniere sind für Innenräume ausgelegt. Wer außen baut, fängt bei Edelstahlscharnieren an und denkt die Schrauben gleich mit, denn eine verzinkte Schraube in einem Edelstahlbeschlag hebt den Vorteil wieder auf.

Bei den Auszügen gilt dasselbe. Der Vollauszug Accuride 5321 DS ist eine Kugelführung aus Edelstahl, Schienen und Kugelkäfige aus 1.4301, freigegeben von -20 bis +80 °C. Man merkt solchen Schienen an, dass sie aus dem Objekt- und Laborbau kommen und nicht aus der Küche: Sie werden seitlich montiert, aufliegend geht nicht.

Meine Einschätzung dazu: Für draußen gibt es einiges, aber längst nicht alles. Scharniere, Schienen, Zargensysteme, Klappenbeschläge, überall ist etwas vorhanden. Vieles passt aber nicht zu den Materialien und Fronten, die draußen verbaut werden. Wenn das Thema bleibt, ist da noch Nachholbedarf. Ich rechne trotzdem damit, dass es eine Nische bleibt.

Position#

Was sich für die Werkstatt ändert, ist der Zeitpunkt der Beschlagentscheidung. Solange der Beschlag unsichtbar war, ließ er sich am Schluss bestellen. Jetzt muss er zur Korpusfarbe passen, eine sichtbare Fuge tragen und manchmal Strom in einen fahrenden Auszug führen. Damit gehört er in den Entwurf.

Das ist eine Frage der Reihenfolge. Eine Lösung gibt es fast immer, aber sie muss zur Front passen. Wer die Front zuerst festlegt und den Beschlag danach sucht, macht es sich schwerer, und manchmal geht es dann gar nicht mehr. Das gilt nicht nur für Messebilder, sondern für jede Planung.